Kampf der Hähne, Kampf der Titel

aus: Die Tränen der Vögel, S. 7 - 8:

 

Sie umkreisen sich, hektisch atmend, die Augen starr, kein Blinzeln erlaubt. Nervöses Schlucken, höhnisches Aufplustern. Die beiden Kämpfer belauern einander im grellen Licht der Scheinwerfer, suchen in der Deckung des Gegners nach einer Blöße. Endlich stürmen sie aufeinander los, ohne Plan um sich schlagend, jung und wild. Von den Zuschauerbänken stürzt Gelächter und Grölen zu ihnen herunter, oben sitzt das Publikum und schaut zu mit aufgerissenen Augen, grinsenden Lippen. Hände schieben sich Geldscheine zu oder halten Bierflaschen. 

 

In der Arena unten ächzen sie, belagern sich wieder und scharren im Sand. Die anfeuernden Rufe werden lauter: Das Publikum will etwas sehen für sein Geld. 

 

Ein zweites Aufeinandertreffen, endlich. Begeistertes Brüllen in den Rängen. Schlagen und Hacken, das erste Blut. Dann trifft einer der spitz zugefeilten Stahlbolzen, die an den Beinen befestigt sind, die Brust des Gegners. Noch mehr Blut. Mehr begeisterte Schreie vom Publikum. Aus der Wunde in der Brust spritzt rote Flüssigkeit, das Krächzen bleibt in der Kehle stecken. Schmerzen überall. Der Tod kommt. Und von den Rängen der Beifall, denn der Kampf ist entschieden. Dann aber eine unerwartete Pause im Spiel, das Publikum in der Arena verstummt. Über den beiden Gegnern – der eine stolz die Brust aufgeplustert, der andere verblutend am Boden – greift groß und mächtig die Hand eines Gottes hinunter. Packt den Verletzten, vorsichtig, fast zärtlich, hebt ihn hoch, schmiert sich sein Blut in die Finger.

 

Karsten drückte den verletzten Vogel an seine Brust. Wut und Furcht hielten sich die Waage – wie konnten diese Typen nur. Und wie konnte er nur: Hier hereinplatzen und den Rächer der Tiere geben. Karsten umklammerte den Vogel, spürte das Pochen des kleinen Herzens durch Federn und Hemd hindurch, starrte auf die lädierte Nickhaut, hinter der ein dunkler Fleck wuchs, sich von der Pupille löste und als klebriger Tropfen im Gefieder hängen blieb. Der Hahn weinte Blut.

 

 ***

 

Literarischer Blick hinter die Kulissen:

 

Der Anfang eines Kriminalromans muss den Leser packen und in die Geschichte hineinziehen. Show, don’t tell! Gleich zu Beginn wollten wir mit Karsten einen der wichtigsten Protagonisten in Aktion auftreten und sich quasi durch sein Handeln selbst vorstellen lassen. Zusätzlich wollten wir schon früh die Bedeutung des ungewöhnlichen Buchtitels aufnehmen und erklären.

 

Leider konnten wir uns mit dem Verlag lange nicht auf einen Titel einigen, der uns gefallen und den Verlagswünschen nach Marktgängigkeit entsprochen hätte. Unsere Wunschtitel waren „Alle Vögel sind schon tot“ oder das kurze geheimnisvolle Wort „Federlos“. Schließlich hat mein Bruder sogar einen professionellen Buchtitelfinder beauftragt, dessen Liste mit 30 tollen Buchtitelideen ebenfalls keinen Treffer brachte, obwohl solche Wortbonbons wie „Hochhausdächer, Schwerverbrecher“ als Titelvorschläge enthalten waren. Endlich machte uns der Verlag den Vorschlag, das Buch „Die Tränen der Vögel“ zu nennen. Den Titel fanden wir spannend, allerdings hatten wir jetzt ein großes Problem, denn Vögel weinen nicht! Sie haben zwar Nasendrüsen mit denen sie überschüssiges Salz ausscheiden können, aber sie können nicht weinen, weil ihnen schlicht die Organe dafür fehlen. Was also tun?

 

Wir haben den durch den Kampf am Auge verletzten Hahn einfach Blut “weinen“ lassen und somit einen Bezug zum Titel hergestellt. Am Ende des Buchs weinen die Vögel dann (scheinbar) Freudentränen.

 

Das Foto mit dem ritterlichen Hahn zeigt ein Graffiti des Frankfurter Streetartkünstlers Guido Zimmermann (GZ) und nimmt ein anderes großes Thema im Buch vorweg: die verborgene, illegale Tätigkeit der Kommissarin als nächtliche Sprayerin!

 

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