Frankfurt am Main|Frankfurt am Mord|Frankfurt am Reim


Schreiber schreiben *o*    Dichter dichten °t°   Reimer reimen *v*    Viel Spaß mit einer Auswahl unserer schönsten Gedichte aus den letzten zehn Jahren.

Verirrt

Ein Bachfloh flennt im Wasserklo

krebsbleich kaut er auf seinen Lippen

und scheuert sich die Außenrippen

am Porzellan und auch am Po.

 

Ihr fragt zurecht: „Was macht er da?“

Die Lage ist ja nicht ganz klar.

Das Kerlchen ist im falschen Ele

ment – jetzt geht’s ihm an die Kehle.

 

Vom tiefen blauen schönen Rhein

- ganz oben ist er wirklich rein -

da saugte ihn aus diesem Ort

die Trinkwasserversorgung fort.

 

Nun hockt er da in seiner Lache

und grübelt nach in dieser Sache,

es plätschert trüb, nur das ist klar:

es riecht sogar.

 

Es muffelt nicht, es stinkt wie Sau!

Die Jugend war ihm nie viel wert,

doch heute weiß er‘s sehr genau:

im Fluss war er noch unbeschwert.

 

Der Floh kratzt sich mit einer Tarse

am chitinösen Hinterköpfchen,

das Leben ist doch eine Farce

sitzt man nicht auf sondern im Töpfchen.

 

So flennt der Floh und schwimmt herum,

im Kreise ist das wirklich dumm,

gefangen ist er im Klosett,

er träumt vom weichen Algenbett.

 

Ein gelber Regen prasselt nieder,

der Floh erstarrt in allen Gliedern.

Er zuckt zurück vor dieser Taufe -

wird fast begraben von dem Haufe.

 

Und im Moment der größten Pein

drückt jemand ihm die Spülung rein:

Er stürzt, er taucht, er fällt, wird klein.

Und schafft den Weg zurück zum Rhein.

Traum des Farns

Mein Leben folgt dem Schatten im Wald

seit Pflanzengedenken, in Kohle geerdet,

von Sauriern verdaut, karbonbäumealt,

blütenlos träumend und zweifach gebärdet.

 

In kugligen Wiegen drängen sich

die Zwillingsheere der Sporenkrieger.

Schwer trägt der Arm, die Wedel biegen sich

unter der Last der unzähligen Kapselflieger.

 

Der Wind reißt meine Kinder hinfort,

Tausendlinge kreiseln in seinem Hauch,

sein Atem trägt weit und lässt sie erst los

am Ziel ihrer Reise, am neuen Ort.

 

Sie grüßen die Erde, den Schlamm und den Mist,

und nisten und warten und wachsen und zittern

zum hässlichen Wesen, prothallisches Wittern,

das kaum erst erzeugt schon Erzeuger ist.

 

Der Regen reißt seine Maske hinfort

und baut flüssige Brücken am trockenen Ort,

der Gamet schickt seine Samen ins Feld

und gebärt und erschafft eine grüne Welt.

 

So drängt das Rhizom, entfaltet die Blätter,

die Basis zuerst, zuletzt erst die Spitze,

die Sprosse empor ins Vorfrühlingswetter

und streckt sich hinaus in die feuchtwarme Hitze.

 

Mein Leben folgt dem Schatten im Wald

seit Pflanzengedenken, in Kohle gepresst,

von Menschen verbrannt gewähre ich Halt

und lade euch ein zum Farnwedelfest.



Angezählt

Das Jahr zählt

immer anders

wählt man Sekunden,

Tage, Wochen, Runden

und für die Ewigkeit ist’s eh nur Peanuts,

ein Häutchen Mesokarp,

nicht mehr.

 

Und dennoch füllt ein Menschenjahr

in meiner Brust ein Unikum

so schwer und voll wie Tausend Tage

geboxtes Mesozoikum.

 

Durch Kreide kämpfen müde Donnerwesen

in Bits und Bytes verwolkt sich unser Denken.

Wir kotzen lieber um die Wette,

damit das Konsumieren schneller geht.

 

Das Holozän ist tief gealtert,

ein Greis, den niemand pflegen mag,

die dürre Hand fällt zitternd ausgestreckt

ins All geleert und ausgedrückt.

 

Es kümmert

nicht

das Anthropozän

scharrt

mit den Klauen

auf seiner Mutter

Erde Haut.

Schreck-Sekunde

Ich mag das ruhige Lied der Schrecken,

ihr sanftes Locken aus den Hecken,

grad im Moment:

Ich höre nichts.

Nicht ganz nicht nichts,

doch oh kein Zirpen.

 

Nicht mehr am Meer

und nicht bei uns

im Sommer wo sie zahlreich hocken

und aus den Hecken trillernd locken

nur mich

nicht mehr.

 

Die Erinnerung ist noch da, das schon

(ein Glück? Es lässt sich kaum ertragen).

Allein die Jahre sägen, nagen

an der, an meiner Physiologie

und meißeln Löcher in die Zellen

versickert Lebensenergie,

gefleckte Haut zerfällt in Wellen,

der Schweiß tropft stinkend aus den Poren -

ich fühl mich selten neugeboren -

und jetzt noch das: kein Zirpen, Zirren, Schwirren mehr!

Nur eine Saite ist gerissen

schon stockt die ganze Symphonie,

fehlt nur ein Ton in diesem Weltenklang

so wird Wehklagen aus Gesang.

Und ist’s ein Ton nur, der ein X

in meine schöne Gleichung bringt,

die Last des Fehlens wird mir schwer,

wenn nichts mehr in den Ohren schwingt.

 

So hock ich zitternd nackt auf schwerem Boden

such den Kontakt zu luftgen Arthropoden

und klammre mich an dieses Wissen fest:

Noch bleibt mir ja der Augen-Blick,

im Hören tu ich mir halt schwer.

Ein Dröhnen hallt in meinen Ohren:

„Jung bist Du Mensch schon lang nicht mehr.“



Winterschlaf

Schlaff in den Seilen.

Ein Sparring-Partner chancenlos

hängen und würgen wir das Jahr

bis ganz ans Ende.

Es kommt immer

etwas dazwischen

und sei es so

auch nur das Kapitälchen

das wir hier nicht

wollen (Word sei Dank).

Mein Herz so still

ein Zucken ist es nur

von Muskelmasse noch

wie fest geschraubt hängt dort

im Brustkorb eine überreife

alte Frucht – es schlägt

von Zeit zu Zeit und Puls genug

für dieses Jahr.

 

Ein Prosit dunklen leeren Nächten

im Frost erstarrt der graue Wind,

ein Flüstern nur,

das unser Leben hält

und dieses träge müde Pochen würzt:

die Fantasie.

reizarm

gelüftet fast sphärisch veratmet

treiben die buchstaben durch die

atmosphäre – buch staben ist nicht mehr

der richtige begriff

selten noch finden sie ruhe

zwischen zwei blatt seiten

die worte flattern durch den wind

sie krallen sich mit silben

schwung ins lockre erdreich fest

wie wimpelchen auf einer torte

sie fallen um umleckt von lippen

ins ohr hinauf sie schnaufen

und finden diesen hörgang nicht

die worte hängen leise in der luft

transpirieren unsichtbar ihr wolkendasein

und segeln schlaff ins grab

des festen stiefel tritts – ach wie gerne

wären sie

emoticons

statt

worte