Frankfurts höchster Punkt (no Skyscraper)

aus: Die Tränen der Vögel, S. 61 - 62

 

Dahlberg kam wie immer viel zu schnell die Danziger Straße in Bad Vilbel hinuntergebraust. Die üppigen hundertfünfzig PS unter der Motorhaube katapultierten seinen schwarzen VW Golf mühelos vorwärts, bis er mit bremsendem Quietschen vor der Hausnummer 113 hielt.

 

 

  »Bin schon da«, begrüßte Karola ihn.

 

  »Sagte der Igel zum Hasen. Wie schaffst du das bloß?«

 

  »Hartes Training.« Ihr Lächeln war falsch.

 

 

  Noch bevor sie von Stringwells Mercedes und ihrem Wrack Fotos gemacht hatte, rief sie Mirko zu Hause an. Und schon kurz nachdem sie das Unfallfahrzeug samt Nummernschild, ihr geschrottetes Rad und die Straßensituation fotografiert hatte, war Mirko mit seinem alten Hollandrad im halboffenen Kofferraum bei Orni Charm Pharmaceuticals angekommen. Sie hatten Probleme, aber Mirko war treu und stand zu ihr. Und natürlich wusste er Bescheid.

 

  Mit einem Kuss hatte sie sich bedankt und Dahlbergs Wettfahrt zugestimmt: Wer war schneller in Bad Vilbel bei der frischgebackenen Witwe?

 

  Kindisch, dachte Karola jetzt. Und grinste trotzdem: Sie hatte gewonnen.

 

 

  »Ja, ja«, brummte Laurenz. »Hast du wenigstens die Berger Warte bewundert?«

 

  Karola zuckte mit den Schultern.

 

  »Lag doch auf dem Weg: Frankfurts höchster Punkt. Daneben befand sich im 18. Jahrhundert ein steinerner Galgen. Lauschiges Plätzchen.«

 

  »Soll das jetzt eine Geschichtsstunde werden?«

 

  »Warum nicht?«, fragte Dahlberg prompt zurück. »Wusstest du, dass in der hessischen Verfassung – auf die wir unseren Beamteneid geschworen haben – noch immer die Todesstrafe drin steht, weil die Politiker Schiss davor haben, dass sich keine Mehrheit im Landtag für eine Streichung findet?«

 

  Ja, sie wusste es.

 

  »Und kannst du dir vorstellen, dass ...«

 

     Karolas Smartphone dudelte »Bella Notte« aus dem Disney-Klassiker »Susi & Strolch«. Erleichtert schnappte sie sich das Gerät. »Pause, Laurenz. Die Spusi.«

 

 

 

***

 

 

 

Willkommen im Nordosten von Frankfurt

 

Mit diesem neuen Textpuzzle aus dem Ornithologenkrimi "Die Tränen der Vögel" möchte ich Euch die Kriminalhauptkommissarin (das kürzt man gerne mit KHK ab) Karola Bartsch vorstellen und ihren polizeiinternen Gegenspieler Laurenz Dahlberg.

 

Der kurze Text deutet bereits Karolas Problem an: Sie fährt gerne Fahrrad! Sie fährt nur Fahrrad! Sie vermeidet Autofahren, wo sie nur kann!

Warum das so ist, soll hier (noch) nicht verraten werden.

Neben der eigentlichen Mordermittlung entwickelt sich im Roman eine sehr persönliche und tragische Nebenhandlung. Außerdem führen uns Karola und Laurenz zu einem wenig bekannten Ort, der Teil des Frankfurter GrünGürtels ist. Eine kleine Tafel informiert uns dort:

 

„Bei der Berger Warte befinden Sie sich an Frankfurts topographisch höchstem Punkt, der 212 Meter über NN liegt. Dieser Ort und sein Umfeld haben eine große lokalhistorische Bedeutung. [...] Die Berger Warte wird erstmals im Jahre 1340 als „Geierswarte“ erwähnt. Dieser Turm wurde erbaut, um den Geleitswechsel auf der „Hohen Straße“ zu überwachen, wenn Frachtwagen das Frankfurter Gebiet verließen und sich in den Schutz eines anderen Gebietsherren begaben.“

 

 

Ich kann nicht besonders gut über Orte schreiben, die ich nicht persönlich kenne. Für mein Schreiben ist es immer inspirierend, wenn ich den „Tatort“ mit eigenen Augen gesehen und erlebt habe. Außerdem bereitet mir die Recherche vor Ort und die kleinen Ausflüge zu möglichen Handlungsplätzen einfach Spaß (zumindest vor Corona [schnief]). Passend zu dem ehemaligen Galgen neben der Berger Warte diskutieren Laurenz und Karola über die immer noch in der Hessischen Verfassung enthaltenen Todesstrafe.

 

Nehmt Euch also in Acht Ihr Hessischen Schwerverbrecher!

 

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